Lebendige Landschaften gestalten. Wie Agroforstsysteme und Naturoasen die natürliche Vielfalt erhalten

Vortrag Dr. Christopher Morhart und Dr. Wolfgang Ambach


Biodiversität aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten war das Motto des Doppelvortrags „Lebendige Landschaften erhalten“ in der „Reihe Mensch und Schöpfung“. Dr. Christopher Morhart, Experte für Agroforstsysteme, und Dr. Wolfgang Ambach, Vorstand der Stiftung Natur Zuerst, machten dabei deutlich, wie entscheidend der Erhalt der natürlichen Vielfalt für das Leben auf unserem Planeten ist.

Agroforstsysteme

Dr. Christopher Morhart ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Waldwachstum und Dendroökologie der Universität Freiburg im Breisgau und beschäftigt sich seit fast 20 Jahren mit Agroforstsystemen. Dabei handelt es sich um nachhaltige Landnutzungsformen, die Bäume oder Sträucher mit Ackerbau oder Tierhaltung auf derselben Fläche kombinieren. Sie steigern die Biodiversität, schützen Böden und Klima durch Kohlenstoffspeicherung, spenden Schatten für Tiere und erhöhen die Resilienz gegen Wetterextreme wie Trockenheit.

Produktivität und Herausforderungen in der modernen Landwirtschaft

Die globale Landwirtschaft hat in den letzten Jahrhunderten enorme Fortschritte gemacht: In Deutschland werden heute auf einem Hektar über acht Tonnen Ertrag an Weizen erzielt, das Vierfache im Vergleich zu 1850, als noch etwa zwei Tonnen pro Hektar produziert wurden. Mit Hilfe dieser gesteigerten Nahrungsmittelproduktion kann zwar die Ernährung der Weltbevölkerung gesichert werden, es treten jedoch erhebliche ökologische Probleme auf.

Dazu zählen die Belastung durch Pestizide, die Grundwasserverschmutzung durch Nitrat aus Düngemitteln sowie die Auswirkungen des Klimawandels, die zu Ernteeinbußen führen. Darüber hinaus geht die Biodiversität in den Agrarlandschaften stark zurück. Diese Entwicklungen gefährden nicht nur die Ökosysteme selbst, sondern langfristig auch die Stabilität der Nahrungsmittelproduktion.

Agroforstsysteme als Lösungsansatz

Ein vielversprechender Baustein, um diese Probleme abzumildern, sind Agroforstsysteme. Dabei werden Bäume und Sträucher gezielt mit Feldfrüchten oder Tieren kombiniert, um positive Wechselwirkungen zu nutzen. Historisch gab es solche Systeme in vielfältiger Form: Streuobstwiesen, Zeidlerei, Imkerei im Wald, Hecken als Windschutz oder Hutewälder, in denen Schweine zur Eichelmast in den Wald getrieben wurden. Noch bis ins letzte Jahrhundert waren Agrarflächen oft von Hecken und Sträuchern durchzogen. Heute dominiert jedoch die mechanisierte Bewirtschaftung, die auf maximale Flächenausnutzung setzt. Dieser Entwicklung zum Trotz gibt es wieder vermehrt positive Beispiele, wie etwa die Integration von Heckenstreifen in Ackerflächen oder die Kombination von Tierhaltung mit landwirtschaftlicher Produktion – etwa Hühner im Obstanbau, Schafe im Weinberg, oder Schweine im Wald, die auf diese Weise alte Systeme wiederbeleben.

Vorteile von Agroforstsystemen

Die Integration von Sträuchern und Hecken in Agrarflächen bringt zahlreiche Vorteile mit sich:

  • Erhöhung der Bodenfeuchte durch reduzierte Verdunstung und geringere Windgeschwindigkeit, was das Austrocknen der Böden verlangsamt.
  • Schutz vor Winderosion und Wassererosion, insbesondere bei Starkregenereignissen.
  • Verbesserung der Wasserspeicherfähigkeit und Förderung der Grundwasserneubildung, da Bäume mit ihrem Wurzelwerk den Wassergehalt im Boden erhöhen.
  • Reduktion der Überschwemmungsgefahr durch bessere Wasseraufnahme und -speicherung.
  • Kohlenstoffspeicherung in Bäumen, die so zum Klimaschutz beitragen.
  • Bäume verbessern nicht nur das Mikroklimas durch den Schattenwurf, was das Tierwohl (z. B. bei Schafen oder Hühnern) fördert, sondern bieten auch Schutz vor Fressfeinden wie Greifvögeln.

Agroforstsysteme zeigen somit, dass eine nachhaltige Landwirtschaft möglich ist, die sowohl die Produktivität als auch den Umweltschutz in Einklang bringt.

Der Erhalt von Naturoasen – Die Stiftung „Natur Zuerst“

Dr. Wolfgang Ambach, Vorstand der Stiftung „Natur Zuerst“, stellte im weiteren Verlauf des Abends die Arbeitsweise und Ziele der Stiftung vor. Diese möchte das Naturerbe der von ihr gepflegten Naturoasen auf Dauer der Natur widmen. Bürgerschaftliches Engagement für die Artenvielfalt wird dabei gezielt gefördert, während die Stiftung als Garant dafür dient, dass die Flächen langfristig der Natur zugutekommen und nicht primär wirtschaftlich genutzt werden.

Das Konzept der Naturoasen basiert auf klaren ökologischen Prinzipien: Vorrang haben ökologische Ziele vor wirtschaftlicher Nutzung, intensive Bewirtschaftung wird vermieden, und es werden natürliche Lebensräume geschaffen. Jede Fläche ist einzigartig und erhält ein individuelles Naturschutzkonzept, das als Wald- oder Offenlandkonzept ausgearbeitet wird. Aktuell umfasst das Projekt Flächen in neun Gemeinden im südlichen Schwarzwald, darunter Wald- und Wiesenstücke. Ein Teil der Flächen wurde von der Stiftung selbst angekauft, andere durch Zustiftungen erworben.

Ehrenamtliches Engagement lädt zum Mitmachen ein

Die Arbeit der Stiftung lebt vom ehrenamtlichen Engagement verschiedener Gruppen und Einzelpersonen. Zu den Aktivitäten zählen öffentliche Pflanzaktionen, informative Veranstaltungen wie „Kaffee und Kuchen am Wanderweg“, Bildungsangebote wie ein Wahlseminar für FSJler mit Naturpädagogik sowie Kooperationen mit Unternehmen, etwa ein „CleanUp-Day“, der in eine Baumpflanzaktion in Unadingen mündete. Auch Besuche von Grundschulen zur Umweltbildung und individuelle gemeinsame Aktionen auf den Geländen nach Absprache gehören dazu. Zudem gibt es Nistpatenschaften sowie feste Gruppen von Naturfreunden, die sich engagieren. Alle Beteiligten wirken freiwillig und unentgeltlich mit.

Aktuelle Informationen zu den Projekten und Aktivitäten werden im monatlichen Rundbrief sowie auf der Webseite unter „Aktuelles“ veröffentlicht. Bei Fragen oder Interesse an einer Mitwirkung können sich Interessierte gerne unter info@natur-zuerst.de melden.

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