von M.Sc. Alicia Kling
Masterarbeit von Alicia Kling betreut von Prof. Dr. Alexandra-Maria Klein, Dr. Julia Osterman und Dr. Dimitry Wintermantel
Effekte von Pestiziden auf zwei Mauerbienen
Hintergrund
Der Artenreichtum und die Populationen wildlebender Bienen sind in den letzten Jahrzehnten weltweit zurückgegangen1,2,3. Ein möglicher Hauptfaktor für diesen Rückgang sind Pestizide, die zum Pflanzenschutz gegen Schadinsekten, Pilzerkrankungen oder Beikräuter eingesetzt werden, deren schädliche Wirkung auf Bienen und andere Bestäuber jedoch bereits in zahlreichen Studien belegt wurde4,5,6,7,8. Verschiedene Bienenarten reagieren allerdings unterschiedlich empfindlich auf Pestizide, das heißt, während manche Arten kaum geschädigt werden und resistent scheinen, sind andere Arten stark beeinträchtigt und zeigen eine hohe Sterblichkeit, wenn sie Pestiziden ausgesetzt sind9,10,11,12. Auch innerhalb der Arten, z.B. zwischen den Geschlechtern oder Entwicklungsstadien, bestehen Unterschiede hinsichtlich ihrer Empfindlichkeit9,10,11,12. Trotz dessen fehlen für die meisten Arten bislang verlässliche Daten13,14. Der Großteil der bisherigen Forschung sowie die Risikobewertungen im Rahmen der EU-Zulassungsverfahren konzentrieren sich fast ausschließlich auf die westliche Honigbiene (Apis mellifera) und in geringerem Maße auf andere generalistische Arten (Bienenarten, die an vielen verschiedenen blühenden Pflanzenarten Pollen sammeln) mit stabilen Populationen10,13,14. Stark spezialisierte Bienenarten dagegen, die ihre Nahrung (Pollen und Nektar) nur von wenigen Pflanzenarten beziehen können, sind in bisherigen Studien und Risikobewertungen kaum berücksichtigt, obwohl sie im Vergleich zu generalistischen Arten einen stärkeren Rückgang in ihrer Ausbreitung erfahren13,14,15. Außerdem ist die generalistische Honigbiene, die bisher als Modellorganismus in Pestizidstudien genutzt wird, aufgrund ihrer Lebensweise und ihres Sozialverhaltens möglicherweise keine geeignete Modellart, um die Auswirkungen von Pestiziden auf andere, insbesondere solitäre (nicht sozial lebende) und spezialisierte Arten vorherzusagen10,13,16. Ein weiteres Problem ist, dass Pestizide meist einzeln auf ihre Toxizität geprüft werden14,16,17. In der Realität sind Bienen jedoch meist mehreren Pestiziden gleichzeitig ausgesetzt, die sich in der Umwelt anreichern und gegenseitig in ihrer Wirkung beeinflussen können, auch wenn sie nicht als Mischung ausgebracht werden17,18,19,20. Insbesondere zwischen Fungiziden und Insektiziden besteht ein hohes Potenzial für synergistische Wechselwirkungen, also eine Verstärkung der Toxizität eines Pestizids durch ein anderes, und damit für eine Unterschätzung des Risikos, wenn dies nur für ein Pestizid alleine bewertet wird5,21,22.
Die Motivation und das Ziel meiner Masterarbeit waren es, diesen Forschungsstand zu erweitern und herauszufinden, wie sich Pestizide auf bisher nicht getestete spezialisierte Bienen auswirken und ob diese möglicherweise empfindlicher reagieren.
Zusammenfassung der Masterarbeit
Dafür habe ich in meiner Masterarbeit die Empfindlichkeit zweier solitär lebender Wildbienenarten analysiert. Zum ersten Mal wurde die spezialisierte Mauerbiene Osmia brevicornis neben der eng verwandten generalistischen Osmia bicornis, welche die am häufigsten getestete solitäre Art ist, als Modelart verwendet. Beide Arten kommen in Süd- und Mitteleuropa in der Agrarlandschaft, an Waldrändern, Streuobstwiesen oder auch in Siedlungen vor und sind Bestäuber für landwirtschaftliche Kulturen. Während O. bicornis eine der häufigsten Bestäuberarten ist und in einer Vielzahl an Kulturen zu finden ist, ist O. brevicornis auf Kreuzblütler spezialisiert und deutlich seltener in der Natur zu finden, wo man sie vor allem in Raps, Senf oder Rübsen findet.
Im Labor haben wir die orale (Pestizidaufnahme über Nahrung) und die Kontakttoxizität (direkter Pestizidkontakt der Körperoberfläche) von zwei Insektiziden, dem Neonicotinoid Acetamiprid und dem Pyrethroid Cypermethrin, sowie dem Fungizid Tebuconazol und allen Kombinationen analysiert. Nach der Exposition, also der Nahrungsaufnahme der Pestizidlösung oder dem direkten Kontakt der Körperoberfläche mit dem Pestizid, haben wir die Mortalität, also die Sterblichkeitsrate, sowie auch subletale Effekte (dies bedeutet keinen direkten Tod, sondern z.B. Paralysen, eingeschränkte Koordination) untersucht. Die beiden Arten wurden dann hinsichtlich ihrer Empfindlichkeit gegenüber Pestiziden verglichen und potenzielle Wechselwirkungen zwischen den Substanzen wurden untersucht. Alle der im Labor getesteten Substanzen sind aktuell in der EU für den landwirtschaftlichen Gebrauch zugelassen und werden in einer Vielzahl von Getreidearten wie beispielsweise Raps, Weizen und Gerste aber auch im Gemüse- und Obstanbau eingesetzt. Immer wieder werden Rückstände dieser Pestizide in Pflanzenpollen, Nektar und Honig gefunden, was zeigt, dass Bienen diesen Substanzen direkt ausgesetzt sind.
Die Ergebnisse meiner Masterarbeit zeigen, dass die spezialisierte O. brevicornis tendenziell empfindlicher reagiert als die generalisierte O. bicornis, also eine höhere Mortalität aufweist, vor allem nach Kontakt mit den Pestiziden(Kontaktexposition). Eine mögliche Erklärung ist, dass eine robuste Körpermorphologie, also ein robustes Erscheinungsbild der Biene, mit einer dickeren Kutikula ein entscheidender Faktor für die Kontaktempfindlichkeit von Bienen sein könnte9,11,23. Die robustere O. bicornis könnte daher einen Vorteil gegenüber der kleineren O. brevicornis haben. Die Studie zeigt auch, dass das Insektizid Cypermethrin keine tödliche (lethale) Wirkung auf O. bicornis hat, jedoch subletale Effekte hervorgerufen hat. Dies zeigt, dass die Betrachtung der Mortalität allein für eine Risikobewertung möglicherweise nicht ausreichend ist. Darüber hinaus konnten wir synergistische Effekte zwischen dem Insektizid Cypermethrin und dem Fungizid Tebuconazol auf die Mortalität beider Bienen nachweisen. Das heißt, während das Fungizid allein nicht toxisch für Bienen war, hat es dennoch die Toxizität des Insektizids stark verstärkt, wenn es in Kombination verabreicht wurde. Das deutet darauf hin, dass das Fungizid die Entgiftungsmechanismen gegenüber Insektiziden in Osmia-Arten hemmen könnte.
Meine Masterarbeit gibt damit einen ersten Einblick in die Empfindlichkeit einer spezialisierten Mauerbiene verglichen mit einer eng verwandten generalisierten Mauerbiene. Die Ergebnisse unterstreichen die dringende Notwendigkeit, eine größere Auswahl an Testarten sowie subletale Effekte und Wechselwirkungen zwischen Pestiziden in der Risikobewertung zu berücksichtigen, da beispielsweise Tebuconazol allein für Bienen als „sicher“ bewertet werden könnte, die Wahrscheinlichkeit jedoch hoch ist, dass das Fungizid die Toxizität von diesem Insektizid erhöht.
In den nächsten Jahren werde ich im Rahmen meiner Promotion weiter an dem Thema forschen und untersuchen, ob sich die gefundenen Ergebnisse auch unter realistischen Szenarien, also unter feldrealistischen Bedingungen, wiederfinden. Außerdem werde ich untersuchen, wie stark Schmetterlinge und Schwebfliegen, welche bisher überhaupt nicht in der Risikobewertung berücksichtigt werden, aber ebenso wichtige Bestäuber sind, von Pestiziden betroffen sind.
Quellen:
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