Von Clara Knobloch
Gerade in diesem Moment liege ich auf einer Picknickdecke im Institutsviertel. Es ist Mittwoch, der 4. März 2026 und wir haben seit über einer Woche Tage mit um die 15, teils bis über 20 Grad Tageshöchsttemperatur. Es stimmt mich eigentlich fröhlich, mein Körper spürt die Wärme und das Vitamin D, nach dem er sich so lange gesehnt hat.
Aber es macht mich auch stutzig – Freiburg ist zwar eine der sonnigsten und wärmsten Städte Deutschlands, trotzdem ist es merkwürdig, Ende Februar im T-Shirt wandern gehen zu können, während die Laubbäume noch komplett kahl sind und die ersten Frühblüher wie Winterling, Schneeglöckchen, Blaustern, Bärlauch, Buschwindröschen, Krokus und Gänseblümchen in Wald und Wiese ihre Gesichter zeigen.
Mit den ersten Blüten sind auch die ersten Bestäuber zu sehen. Es summt und brummt schon jetzt, Anfang März, während ich auf dieser Wiese liege. Die dicken Hummelköniginnen – besonders die der Erdhummel Bombus terrestris – fallen sicher nicht nur mir auf. Sie fliegen von Taubnessel zu Taubnessel, um einen Nahrungsvorrat für den ersten „Wurf“ Arbeiterinnen anzulegen. Was ich nun aber sehe, seitdem ich mich das vergangene Semester intensiv mit Insekten auseinandergesetzt habe, sind insbesondere auch die unscheinbaren Bestäuber – die nicht weniger Relevanz in unserem Ökosystem besitzen: Alleine innerhalb der Ordnung der Fliegen existieren verschiedene Arten, die auch jetzt schon unterwegs sind und genauso mit den Frühblühern in Symbiose stehen wie die Hummeln. Nur werden die Fliegen in ihrer ökologischen Relevanz oft unterschätzt.
Schwebfliegen zum Beispiel sind längst nicht so bekannt und erst recht nicht so beliebt wie Bienen, sind aber für die Bestäubung genauso wichtig. Auch, weil sie zu anderen Zeiten und länger im Jahr fliegen – die beiden Gruppen ergänzen sich dementsprechend gut. Zudem gibt es viele Schwebfliegenarten, deren Larven mit Vorliebe Blattläuse fressen und dementsprechend zur natürlichen Schädlingsbekämpfung beitragen.
Schmeiß-, Fleisch- und Stubenfliegen sind außerdem wichtige Destruenten, also Zersetzer organischen Materials und damit essentiell im Nährstoffkreislauf, und parasitoide Fliegen sorgen für eine natürliche Kontrolle von Falterpopulationen.

Die menschenbezogene Entomologie (Insektenkunde) hat nun gezeigt, dass seit den 50er Jahren das Bild von Insekten sehr viel ambivalenter geworden ist. Erste Nachweise der Wahrnehmung von Insekten existieren seit dem Ende der Altsteinzeit. Bis in die 20er oder 30er Jahre wurden Insekten durchweg neutral gesehen, manche Insektengruppen positiv, weil sie Nahrung oder Glück und Fruchtbarkeit bringen. Der Mistkäfer im alten Ägypten beispielsweise zeigte die lang ersehnten Hochwässer des Nils frühzeitig an und wurde deshalb als heilig angesehen. Nur im Massenauftreten nahmen Menschen Insekten als Plage, als etwas Negatives wahr.
Spätestens seit dem Wirtschaftswunder der 50er Jahre und der Entfremdung sehr vieler Menschen von der Natur (insb. im globalen Norden) ist das Bild aber stark in Schieflage geraten. Ganze Insektengruppen werden heute als Schädlinge gesehen, obwohl nur wenige Arten aus den Gruppen tatsächlich Vektoren von Krankheiten oder Schädlinge in Wohnungen oder der Landwirtschaft sind. Bei den Fliegen z.B. sind nur die drei Mückenarten, die für Malaria, Gelbfieber und Dengue-Fieber verantwortlich sind, wirklich gefährlich für den Menschen. Der mit Abstand größere Teil der Arten hat aber einen hohen Wert im Ökosystem— als Bestäuber, Zersetzer von abgestorbenem Material oder Nahrungsgrundlage für andere Wesen. Die Maden-Goldfliege Lucilia sericata wird sogar zur Therapie von Wundheilungsstörungen und totem Gewebe verwendet. Und manch eine Fliege hat schon im Rahmen der Forensik einen Mord aufgeklärt!

Was ich sagen will: Insektenarten sind so vielfältig wie Kieselsteine am Strand, oder wie wir Menschen auf der Erde. Jede hat ihren Platz im Ökosystem, jede ist wirklich wichtig. Das Insektensterben ist eine nicht zu vernachlässigende Krise unter leider aktuell sehr vielen Krisen, aber keine zu vernachlässigende. Gäbe es irgendwann keine Insekten mehr, hätten WIR ein sehr großes Problem. Nicht nur, weil die Lebensmittelproduktion durch den Mangel an Bestäubern einbrechen würde. Auch, weil Schadpopulationen durch das Fehlen von Insektivoren Land- und Forstwirtschaft bedrohen würden. Die Nahrungsketten in den Ökosystemen wären gefährdet, das Zersetzen von totem Material im Boden, ja der gesamte Kohlenstoffkreislauf wäre unterbrochen, damit würde unsere Lebensgrundlage Boden nicht mehr neu gebildet. Diese Liste ließe sich ewig fortführen, aber wir wollen nicht hoffen, dass sie eintritt! Denn diese kleinen Wesen sind so fleißig und werden das auch immer sein, wenn wir sie denn lassen. Insekten sind so viel wichtiger als es uns bewusst ist, so viel diverser und noch dazu wirklich interessant, wenn man mal ranzoomt, wenn man genau hinschaut.
Ich möchte auf jeden Fall versuchen, mehr über diese Mikrowelt in Erfahrung zu bringen und gleichzeitig für ihren Erhalt kämpfen. Es darf uns nicht egal sein, wenn diejenigen sterben, die es überhaupt erst ermöglichen, dass wir in einen Apfel beißen oder Trauben naschen können. Auch wenn es so scheint, dass Insekten vom Klimawandel profitieren, weil sie längere Fortpflanzungsperioden durch die höheren Temperaturen haben: Es ist für viele Arten auch ein großes Problem, wenn es so früh im Jahr warm wird, dass die Larven schlüpfen, aber die Futterpflanze dann noch gar nicht blüht. Oder es Frühjahrsfröste gibt, die Nester absterben lassen, sodass ganze Populationen gefährdet sind.
Wenn ich hier liege, auf meiner Wiese, und den Insekten an den Blüten zuschaue, dann bin ich fasziniert und besorgt zugleich. Und ich hoffe, Sie sind das auch. Lassen Sie das ein Impuls sein – ein Impuls, rauszugehen, die Natur wahrzunehmen, Tiere und Pflanzen in ihrem Tun mit Interesse zu beobachten, zu überlegen – warum sie das eigentlich tun. Warum hier, warum jetzt? Ein Impuls, sich zu engagieren. Sei es dadurch, den heimischen Garten insektenfreundlich zu gestalten, sich in einer Umweltorganisation zu organisieren, zu spenden oder einfach nur wählen zu gehen.
Insekten sind so viel mehr als kleine lästige Viecher, die durch die Luft schwirren. Sie existieren schon sehr viel länger auf der Erde als der Homo sapiens, der weise Mensch. Lasst uns entsprechend weise sein und ihnen die Aufmerksamkeit geben, die sie verdient haben!
Clara Knobloch studiert an der Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen der Universität Freiburg und wird 2025/2026 von der Musella-Stiftung mit einem Deutschland-Stipendium gefördert.
Die Fotografien im Text stammen von dem Naturfotografen Willibald Lang. Er fotografiert seit 1958 und seit 1970 im Bereich der Makrofotografie mit einer professionellen Systemkamera. Naturfotografie verbindet Willibald Lang mit Natürlichkeit: „So wie es in der Natur normal vorkommt, ohne dass das Foto digital verändert/verfälscht wird“. Deshalb ist die Authentizität bei seinen Fotos stets vorhanden! Weitere Fotos hat Willibald Lang unter dem Pseudonym Makrowilli auf Flickr publiziert.




