Vortrag Uwe Ritzer
Uwe Ritzer, Journalist der Süddeutschen Zeitung und Autor, legt den Finger in die Wunde! Für sein Buch „Der Ausverkauf – Wasser, Boden, Rohstoffe“ recherchierte er, in welchem Maße die natürlichen Ressourcen der Welt ausgebeutet werden und wer davon profitiert. Die Resultate präsentierte er bei einem Vortrag der Reihe „Mensch und Schöpfung“.
Ritzer thematisierte in seinem Vortrag die Nutzung von Allgemeingütern wie Wasser, Boden und Rohstoffen – Ressourcen, die zunehmend zulasten der Gesellschaft und der Umwelt ausgebeutet werden. Sein Ansatz dabei ist jedoch nicht aktivistisch, sondern journalistisch: Er möchte Fakten recherchieren und zur Diskussion anregen, insbesondere über Gerechtigkeit und die moralische Verantwortung jedes Einzelnen. Ritzer betonte beispielsweise, dass der Klimawandel bereits begonnen hat und nicht erst in zwanzig Jahren relevant wird. Doch viele Menschen fühlen sich durch die Vielzahl an Krisen überfordert und verlieren das Gefühl für die Dringlichkeit ökologischer Themen. Die Politik habe sich in Kleinigkeiten verzettelt, während ökologische Fragen in den Hintergrund geraten seien – etwa bei der letzten Europawahl.
Wasser
Ein zentrales Problem in Deutschland ist der hohe Wasserverbrauch, besonders durch die Wirtschaft, die 15 von 20 Milliarden Kubikmetern jährlich nutzt – oft zu minimalen Kosten. Während Privathaushalte für Wasser zahlen, entnehmen Unternehmen es häufig kostenlos aus eigenen Brunnen. Regional gibt es bereits Wassernotstände, etwa in Ostdeutschland oder in der Lausitz, wo der Rückgang des Braunkohleabbaus die Wasserversorgung verändert. Ritzer verwies auch auf neuere Konflikte, wie den Bau des Tesla-Werks in Grünheide, das in einer wasserarmen Region liegt und nun nach Lösungen sucht – etwa durch Wasserlieferungen aus dem Bodensee. Doch auch dort wird Wasser knapp, da der Alpenraum mit schmelzenden Gletschern und steigender Nachfrage kämpft.
Boden
Leistungslose Bodengewinne beziehen sich auf Wertsteigerungen von Boden, die ohne eigenes Zutun der Eigentümer entstehen – etwa durch gesellschaftliche Entwicklungen, Infrastrukturprojekte oder Spekulation. Der bekannte, inzwischen verstorbene, Politiker Hans-Joachim Vogel brachte Uwe Ritzer auf die Thematik, dass Bodennutzung dem Gemeinwohl dienen muss. Die begrenzte Fläche Deutschlands steht in Konkurrenz: Wohnbau, Gewerbe, Ökologie, Wasserhaushalt, Energiewende und Verkehrswende benötigen alle Boden. Dies führt zu Zielkonflikten und steigenden Preisen, besonders in Ballungsräumen, wo Boden für Normalbürger fast unerschwinglich wird.
Im Osten Deutschlands ist Land zwar noch verfügbar, doch Landwirte – besonders ökologische Betriebe – können sich die Flächen oft nicht leisten. Stattdessen kaufen finanzstarke Investoren oder Stiftungen Land auf, manchmal für ökologische Zwecke, oft aber zur Ökobilanz-Verbesserung oder Rendite: So erwarb etwa die Schweizer Post in Ostdeutschland Wald, um bis 2040 klimaneutral zu werden, und erzielt dabei jährlich 6 % Rendite. Die Preise liegen weit über dem Verkehrswert, Kommunen können nicht mithalten. Durch „Asset-Deals“ – den Kauf von Unternehmen mit Bodenbesitz – werden Steuern gespart. Dies schafft Rechtslücken und Unmut, da die lokale Bevölkerung von der Teilhabe ausgeschlossen wird.
Rohstoffe
Der globale Rohstoffhandel wird maßgeblich über die Schweiz abgewickelt, wo große Konzerne die gesamten Lieferketten kontrollieren. Die Branche trägt rund 11 % zum Schweizer BIP bei und gilt als eine der einflussreichsten der Weltwirtschaft – das Magazin Bilanz nannte ihre Akteure gar die „heimlichen Herrscher“. Besonders metallische Rohstoffe wie Kupfer sind für Digitalisierung und Energiewende unverzichtbar, doch ihre Förderung – etwa in Peru – erfolgt oft unter unmenschlichen Bedingungen: Giftige Schadstoffe belasten die Umwelt und machen Anwohner krank. NGOs wie Misereor decken diese Missstände auf.
Um Monopole zu brechen und faire Bedingungen zu schaffen, braucht es eine marktwirtschaftliche Entzerrung. In der Schweiz scheiterte zwar die Konzernverantwortungsinitiative trotz Mehrheitszustimmung im Referendum an rechtlichen Hürden, doch der Druck für mehr Verantwortung und Transparenz wächst. Die Frage bleibt: Wie lässt sich der Rohstoffhunger der Industrieländer mit sozialer und ökologischer Gerechtigkeit vereinen?
Der Umgang mit Ressourcen: Ein schmaler Grad zwischen Verantwortung und Belehrung
Ritzer appellierte an die Verantwortung des Einzelnen: Jeder kann durch bewussten Konsum – etwa bei Elektronikgeräten – Ressourcenverschwendung und Müll reduzieren. Doch er warnt auch davor, nur den Einzelnen zu belehren. Stattdessen brauche es gesellschaftliche Veränderungen und politische Mehrheiten, die ökologische Themen wieder in den Vordergrund rücken. Verbote und Preiserhöhungen stoßen oft auf Widerstand, besonders bei Menschen mit durchschnittlichem Einkommen, für die Konsum auch Teilhabe an der Gesellschaft bedeutet – wie etwa ein Urlaub auf Mallorca. Ritzer plädiert dafür, die Diskussion so zu führen, dass sie die breite Bevölkerung einbezieht und nicht abschreckt.
Sein Fazit: Der Umgang mit Ressourcen muss ein gesellschaftliches Thema werden – ähnlich wie der Klimawandel. Es geht um Gerechtigkeit, Teilhabe und die Frage, wie wir unsere Allgemeingüter fair und nachhaltig nutzen können.
Dr. Stephan Seiler



