Michél aus Marokko

Ein Esel ohne Lasten

Vor einem Jahr war ich das erste Mal für Animals‘ Angels in Marokko. Im Einsatz bei den Tieren auf den Märkten.

Michel
Wundversorgung

Auf einem der Märkte in der Nähe von Rabat begegneten wir Michél, einem kleinen Eselhengst. Er stand mit gesenktem Kopf und angelegten Ohren am Rand des Marktes und trug einen schweren Lastensattel auf seinem Rücken. Sein Besitzer war auf dem Markt und erledigte die Wocheneinkäufe, die Michél später nach Hause tragen sollte. Wie auch bei den anderen Eseln und Pferden, befreiten wir Michél von seinem Sattel, um ihm wenigstens während der Wartezeit auf dem Markt ein wenig Erleichterung zu verschaffen.

Obwohl es schon ein Jahr her ist, kann ich mich noch gut an den grausigen Anblick erinnern, als wir den Sattel von seinem Rücken nahmen – denn darunter verbarg sich eine eitrige, handgroße, offene Wunde. Sie muss dem armen Michél so geschmerzt haben! Vorsichtig wuschen wir sie sauber und versorgen sie mit den von uns mitgebrachten Erste-Hilfe-Materialien. Für uns war klar, dass Michél in diesem Zustand nicht wieder gesattelt werden durfte!

Gegen Ende des Markttages kam der Besitzer von Michél zurück – ein sehr alter, freundlicher Mann, der selbst unter ärmlichsten Verhältnissen lebt. Michél ist für ihn die einzige Möglichkeit, von seinem Dorf auf den Markt zu kommen, um seine Einkäufe dort zu erledigen. Kurzerhand entschieden wir, dass wir Michél zu Fuß und ungesattelt zurück in sein Dorf bringen, den alten Mann in unserem Auto nebenher (denn den Fußmarsch hätte er nicht mehr alleine geschafft).

Michel
Zu Fuß unterwegs

Der Alte verstand die Welt nicht, strahlte aber von Kopf bis Fuß, dass er tatsächlich in einem Auto mitfahren durfte – das hatte er in seinem ganzen langen Leben wahrscheinlich noch nie gemacht. Unser Marsch dauerte über 2 Stunden, führte auf holprigen, steinigen Wegen an Blumenwiesen und Feldern vorbei, bis wir endlich in Michél’s Dorf ankamen. Was für eine Qual das wohl für ihn gewesen sein musste, mit dieser offenen, entzündeten Wunde und seinem Besitzer auf dem Rücken so lange zum Markt zu laufen – unvorstellbar, was die Tiere alles ertragen, um uns Menschen zu helfen!

Im Dorf kamen alle herbeigeeilt und schauten verwundert unsere sonderbare Karawane an. Wir besorgten erst einmal Futter und Wasser für Michél. Und natürlich klärten wir seinen Besitzer und dessen Familie über die ganze Problematik auf, zeigten ihm, wie er Michéls Wunde ab sofort behandeln soll und ließen ihm die nötigen Medikamente dafür da. Er versprach uns, dass er von nun an Michél immer absattelt, sobald er nicht arbeiten muss und dass er ihm die nötigen Erholungspausen gönnen wird. Natürlich war uns bewusst, dass die Chance schwindend gering war, dass Michél erst dann wieder arbeiten wird, wenn seine Wunde komplett verheilt ist - denn wie gesagt, Michél war der einzige, der dem alten Mann bei seiner Arbeit half…

Ein Jahr später nun stehe ich auf dem gleichen Markt wie damals. Ich sehe von hinten die Silhouette eines alten, gebeugten Mannes auf dem Rücken eines Esels – und ich erkenne sofort Michél und seinen Besitzer wieder. Und siehe da – sobald der Alte absteigt, löst er den Sattel von Michél und nimmt ihn von seinem Rücken, damit er sich während des Marktes erholen und entspannen kann! Ich gehe auf die beiden zu und als der Mann mich wiedererkennt, zeigt er mir freudig den Rücken von Michél. Die Spuren der Wunde sind noch sichtbar, aber gut verheilt!

Ich bin glücklich, dass unsere Aufklärungsarbeit wenigstens ein bisschen zum Umdenken bei dem Besitzer angeregt hat und wir damit das Leben von Michél hoffentlich ein bisschen erträglicher machen konnten.

Helena (Animals' Angels)